| Andreas
De Parade interviewte den Initiator des Internetforum für
BOS-Angehörige des Regierungsbezirk Leipzig, den Markkleeberger Michael
Scheewe. Andreas De Parade: Herr Scheewe, Markkleeberger ist ja eigentlich falsch. Sie sind in Berlin-Wedding geboren. Michael Scheewe: Das ist richtig, ich bin Westberliner. Jedoch ist es so, dass ich - seit ich denken kann - diese kalte Stadt verlassen wollte. Es zog mich schon immer an die Nordseeküste. Andreas De Parade: Nordseeküste? Ist es dort nicht noch kälter als in Berlin? Michael Scheewe: Menschlich gesehen bei weitem nicht. Die Menschen dort sind nur sehr ehrlich und zeigen es, wenn ihnen jemand unsympathisch ist. Diese Aufrichtigkeit mag ich. In Berlin sind die Menschen nur noch auf sich selbst bedacht und nicht mehr ehrlich. Sie sind zudem zu laut, zu vorlaut. Andreas De Parade: Nun gut, Ansichtssache. Aber Sachsen ist ja nun wirklich völlig entgegengesetzt von der Nordseeküste. Michael Scheewe: Die hübschesten Frauen wachsen nun einmal in Sachsen auf den Bäumen. Andreas De Parade: Stimmt auch wieder. Aber nun zum Thema. Die Beamten im Einsatzdienst kennen Sie ja in und um Leipzig herum nur in Feuerwehr-Einsatzkleidung mit Feuerwehrhelm auf dem Kopf und der Fotokamera in der Hand. Auch wir als Pressestelle profitieren seit nun sechs Jahren von Ihren Feuerwehr-Einsatzberichten und Einsatzfotos. Wie kommt es, dass Sie nun auch im Internet aktiv werden. Michael Scheewe: Ich war schon im Internet als Anbieter aktiv, als ich 1997 dem öffentlichen Dienst den Rücken kehrte und mich mit der Fotografie und dem Internet selbstständig machte. Die Blaulichtfotografie kam erst 1999 hinzu, nachdem ich wieder Remisenluft geschnuppert habe. Feuerwachen haben einen eigentümlichen Geruch und ich erkannte, was mir die vergangenen Jahre gefehlt hatte. Ich arbeitete in Berlin bei einer Flughafenfeuerwehr bevor ich zum Rettungsdienst wechselte, den ich 1986 aus gesundheitlichen Gründen verließ. Und so begann ich 1999 halt über Feuerwehreinsätze zu berichten. Andreas De Parade: Und da haben Sie ja einen recht guten Ruf. Ich habe jedenfalls noch nicht gehört, dass Sie als Sensationsreporter betitelt wurden. Michael Scheewe: Diesen guten Ruf habe ich mir auch hart erarbeitet. Ich habe auf viel Geld verzichtet, weil ich Fotos von Betroffenen, Opfern und Innenaufnahmen von Wohnungen nicht an die Zeitungen abgebe. Auch meine Berichte zeigen nur Fakten. Ich äußere mich niemals zu Brand- oder Unfallursachen oder stelle Mutmaßungen zu Schadenshöhen an. Ich berichte aus der Sicht des Feuerwehrmannes, als Fachmann und nicht als Reporter. Andreas De Parade: Kann man denn davon leben, wenn man fachlich so eingeschränkt ist und Fotos und Wissen zurück hält um seinem Ruf gerecht zu werden? Michael Scheewe: Hier kann ich es nicht, daher mache ich die einsatzstellenbezogene Pressearbeit jetzt nur noch ehrenamtlich. Der leitende Branddirektor der Branddirektion Leipzig, Herr Schneider, holte mich vor sechs Jahren mit in sein Team. Für eine Festanstellung hat es jedoch noch nicht gereicht, dem Rathaus ist wohl eine rund-um-die-Uhr Pressebetreuung zu teuer. Und so dokumentiere ich halt nur ehrenamtlich die Einsätze für die Branddirektion. Andreas De Parade: Politische Entscheidungen muss man nicht unbedingt verstehen, nicht wahr. Aber Sie sind trotzdem - neben der Pressearbeit - aktiver Feuerwehrmann? Andreas De Parade: Ja sicher. In Markkleeberg gehöre ich aktiv der Feuerwehr an, bin Atemschutzgeräteträger und Maschinist für Löschfahrzeuge und Hubrettungsgeräte, also Drehleitern. Im Landkreis bin ich Offizier. Ich bin Fachgruppenleiter BOS-Sprechfunkausbildung, bin Ausbilder und gehöre der Führungsgruppe Feuerwehr sowie der Technischen Einsatzleitung (TEL) als S5 (Presse und Medien) an. Andreas De Parade: Na das passt doch. Und was hat es mit dem Internetform auf sich? Michael Scheewe: Damit die an den Einsätzen beteiligten Einsatzkräfte die eigenen Einsätze noch einmal nachvollziehen können, habe ich frühzeitig begonnen eine Auswahl sauberer Fotos auf meiner Seite firepic.de zu präsentieren. Ich bewerbe diese Seite nicht, denn ich möchte keine auswärtigen Besucher auf den Seiten welche nur unnötigen Traffic erzeugen. Trotzdem hatte ich von Anfang an einen festen Stamm von Einsatzkräften auf den Seiten, welche auch mit mir kommunizierten. Es luden mich auch nachts, wenn ich mit meinem weinroten Golf durch Leipzig schleiche, öfters Pol-Kräfte auf einen Kaffee in die Reviere ein. Meistens zeigte ich mit meinem Laptop Einsatzfotos. Nicht ohne Hintergedanken. So konnte ich in der Vergangenheit auf Gefahren an der Einsatzstelle hinweisen (z.B. Rauchgrenzen) und somit präventiv tätig werden. Es kam ja schon öfters vor, dass die Herren in Grün als lebende Prüfröhrchen auf Beinen in verrauchte Wohnungen oder Treppenhäuser rennen und auf allen Vieren wieder heraus krochen. Sicher, sie meinen es gut, nur ist Heldentum fehl am Platze wenn man sich und andere dadurch gefährdet. Andreas De Parade: Andere? Michael Scheewe: Wenn ein Polizist mit Schuhgröße 44 Wohnungstüren eintritt bevor die Feuerwehr mit Wasser am Rohr vor Ort ist, kann sich der Brandrauch - welcher bis dato auf eine Wohnung beschränkt war - ungehindert im ganzen Haus ausbreiten. Wenn es durch die Sauerstoffzufuhr nicht sogar zu einer Rauchgasdurchzündung kommt. Es ist eine feuerwehrtaktische Fehlentscheidung. Andreas De Parade: Weil man nicht miteinander redet. Michael Scheewe: Sage ich doch. Selbst an Einsatzstellen steht man nebeneinander aber nicht miteinander. Jeder arbeitet seinen Kram ab und eine echte Kommunikation findet nur auf Kommandoebene statt. Taktische Entscheidungen des Einen sind dem Anderen fremd. Meine Aufgaben, Deine Aufgaben. Mein Feuer, Deine Ermittlung. Auch im Internet wird nicht miteinander kommuniziert, obwohl man es könnte; wenn man es wollte. Es gibt zig Polizei-Foren und hunderte Feuerwehr-Foren. Das THW und die Hilfsorganisationen machen auch nur ihren eigenen Kram. Jeder kramt nur vor sich herum, anstatt einmal über den eigenen Tellerrand hinweg zu schauen. Dann würde der Polizist vielleicht erkennen, dass der Berufsfeuerwehrmann neben ihm gar keinen Alkohol trinkt, weil es strengstens verboten ist. Und der freiwillige Feuerwehrmann würde vielleicht etwas mehr Verständnis für das nächtliche Anhaltesignal haben, obwohl er nach einem anstrengendem Einsatz einfach nur schnell nach Hause möchte. Es gibt und gab Versuche gemeinsamer bundesweiter Foren. Zu große Foren laufen sich tot, weil einfach die Besucher ein leeres Forum wieder verlassen anstatt es mit Leben zu füllen. Außerdem werden diese Versuche meist halbherzig durchgeführt, obwohl auch im Internet durchaus ernsthafte Projekte möglich sind. Andreas De Parade: Und Ihr Forum ist ein solches ernsthaftes Projekt? Michael Scheewe: Ja, sicher. Ich habe den Bedarf einer behörden- und verbandsunabhängigen Kommunikation erahnt und ein lokal begrenztes Forum für alle BOS-Angehörigen des Regierungsbezirks Leipzig unter http://www.bos-forum-leipzig.de gegründet. Ich habe mich also in sofern spezialisiert, dass ich ein lokal begrenztes Forum anbiete. Andreas De Parade: Es findet eine unabhängige Kommunikation statt? Michael Scheewe: Ich habe lange überlegt, ob ich eine Realnamenspflicht einführe. Aber die Besucher wollten lieber Pseudonyme verwenden, um offen reden zu können. Ohne Angst vor Repressalien seitens des Arbeitgebers haben zu müssen. Andreas De Parade: Es wird also anonym über Dienstgeheimnisse geredet? Michael Scheewe: Das möchte ich gar nicht. Die BOS-Bereiche sind nur nach Anmeldung sichtbar, dann habe ich zumindest die Email-Adresse des Users ohne deren Richtigkeit keine Anmeldung möglich ist. Und ich weise schon bei der Anmeldung darauf hin, dass im Forum die PDV/DV810 gilt. Anhand dieser ist jeder BOS-Angehörige ausgebildet worden. Dienstgeheimnisse, Dienstgrade und -stellungen sowie Namen sind tabu. Das wissen alle User. Andreas De Parade: Also nur Kantinengespräche. Michael Scheewe: Auch aus Kantinengesprächen kann man die Sorgen und Nöte der "Anderen" erfahren. Man kann sich zumindest beschnuppern und - wenn man es denn zulässt - sich auch kennen lernen. Und man kann auf alle Fälle voneinander lernen, denn es finden sich durchaus Themen im Forum, welche man als Fachthemen bezeichnen kann. Es gibt zwar einige sehr junge und unerfahrene Teilnehmer im Forum, ein großer Teil der User ist aber erwachsen, erfahren und durchaus in der Lage Gespräche - welche entgleiten - wieder in die richtige Richtung zu lenken. Zudem gibt es einen geschlossenen Bereich, den Lagesaal, wo nur mir bekannte User Zutritt haben. Andreas De Parade: Das hört sich ja so an, als ob im Forum schon viel Betrieb ist. Michael Scheewe: In der Tat. Meine Ahnung, dass Bedarf an einer solchen Kommunikationsebene besteht - denn nichts anderes ist das Forum - bestätigte sich. Wir sind jetzt im fünften Monat online und bislang haben sich 139 Teilnehmer angemeldet. Diese eröffneten bisher 403 Themen und verfassten 2795 Beiträge. Nicht immer ernst zunehmende Beiträge, aber man kommuniziert miteinander. Zeitweise sind in den Abendstunden bis zu 20 User zeitgleich im Forum. Andreas De Parade: Das hört sich ja interessant an und ist bestimmt einen Besuch wert. Michael Scheewe: Das meine ich auch. Jeder Besucher kann dann schließlich für sich selbst entscheiden ob er nur stiller Mitleser oder aktiver Teilnehmer wird. Ich baue übrigens schon an einem weiteren Projekt. Dort wird dann sichergestellt sein, dass die Teilnehmer wirklich geprüfte BOS-Angehörige sind und wo es für jede BOS geschlossene Bereiche geben wird. |